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| Im Haus der fremden Sprachen |
von Regina Peeters
Vortrag gehalten im Rahmen von "Spezialbibliotheken
stellen sich vor",
eine Veranstaltung der ASpB
anläßlich der DBV-Jahrestagung 1998 in Hamburg
2. Oktober 1998, 9.30 - 10.00 Uhr
Anschrift
Kuhstraße 15-19
47638 Straelen
Tel. 02834-1069
Fax 02834-7544
E-Mail: euk.straelen@t-online.de
Homepage: http://www.euk-straelen.de
"Flachland & Nachschlagewerke", so
definierte der Schriftsteller und Übersetzer Arno
Schmidt seinen Traum vom schönsten Ort auf Erden, und so
könnte auch das Motto des Europäischen
Übersetzer-Kollegiums in Straelen lauten: Umgeben von
der topfebenen Parklandschaft des Niederrheins, genau auf
halber Strecke zwischen Lissabon und Helsinki, da, wo die
E3, die niederländisch-deutsche Grenze überquert, liegt
Straelen. "Blumen- und Gemüsestadt" steht auf
dem Straelener Poststempel, denn nirgendwo in Deutschland
werden so viele Blumen umgeschlagen wie hier: über 350
Millionen im Jahr. Dicht an dicht stehen die
Gewächshäuser, das Land ist hier weit und flach. Und
dieser kleine Ort Straelen beherbergt das weltweit
größte Arbeitszentrum für literarische Übersetzer
mit einer 60.000bändigen literarischen Bibliothek mit Werken der Weltliteratur
(meist in Original und Übersetzung) und der 20.000 Sachbücher in mehr als 270
Sprachen und Dialekten - und damit die umfangreichste
Spezialbibliothek für den Berufsstand der Übersetzer
international.
Literarische Übersetzer werden traditionell mit
Einsamkeit in Verbindung gebracht. Schon ihr
Schutzpatron, der Einsiedler Hieronymus, war ein rechter
Griesgram und verkörpert nicht eben barocke
Lebensfreude, wie er über seinen Büchern schwitzend im
Gehäus dargestellt wird. Übersetzer "wirken im
stillen", "vergraben sich" in ihren
Büchern, führen ein "Eremitenleben" und
trauen sich selten aus ihrem "Schneckenhaus",
weil sie "das Licht der Öffentlichkeit"
scheuen. So die Legende. Ob dieses Bild je gestimmt hat,
weiß man nicht, es stimmt jedenfalls immer weniger:
Nicht alle Übersetzer sind solch lichtscheues Gesindel,
und viele hätten nichts dagegen einzuwenden, wenn ihre
Arbeit "in der Welt draußen" ein größeres
Echo fände. Bedeutung und Notwendigkeit dieser Arbeit
ist unumstritten: Ohne Übersetzungen gäbe es keine
Weltliteratur, und auch die einheimische Literatur
würde, vom Hauptfluß derart abgeschnitten, bald zu
einem trüben Pfuhl verflachen.
Diese kleine Standortbestimmung macht deutlich, welche
Bedeutung das Europäische Übersetzer-Kollegium
Nordrhein-Westfalen - von Einheimischen und Gästen
kurz EÜK genannt - für diesen Berufsstand hat. Es ist
ein Ort des geistigen Austauschs, der intellektuellen
Befruchtung für Übersetzer.
Intellektuell anregen ließ sich auch Bundespräsident
Roman Herzog bei seinem Besuch im April 1997. Zwischen
seinen gewichtigen "Berliner" und
"Prager"-Reden hatte sich Herzog die Zeit
genommen für den Besuch in Straelen, um sich vor Ort
einen Einblick über die berufliche Lage der Übersetzer
zu verschaffen, nachdem er bereits zuvor großes
Interesse an der Übersetzerzunft bekundet hatte. Im
glasüberdachten Innenhof ließ er sich von 15
Übersetzern über die Realität ihres Berufsstands
informieren und setzte sich in der Folge mit dem ganzen
Gewicht seines Amtes für diesen Berufsstand ein.
Roman Herzog erfuhr bei seinem Besuch aber auch, daß
in Straelen am Anfang eine Vision gestanden hatte: Eine
Begegnungsstätte für literarische Übersetzer zu
schaffen, einen Ort des kosmopolitischen Austauschs
ebenso wie der konzentrierten Arbeit, ein Haus vieler
unterschiedlicher Schriftkulturen mitten in einer
Grenzregion. Zuerst, in den siebziger Jahren, war es
nicht mehr als ein schöner Traum der literarischen
Übersetzer gewesen. Wie wäre es, so fragten sich diese
"Bücher-Übersetzer", die jahraus, jahrein
einsam an ihrem Schreibtisch arbeiteten, wenn wir uns von
Fall zu Fall zusammenfinden und miteinander arbeiten
könnten?
Immerhin hatte es in der Geschichte so etwas schon
gegeben. Einmal bereits im dritten Jahrhundert vor
Christus auf der Insel Pharos vor Alexandria, wo 72
Dolmetscher versammelt wurden, um in 72 Tagen die ersten
fünf Bücher des Alten Testaments aus dem Hebräischen
ins Griechische zu übersetzen. Und im zwölften
Jahrhundert im spanischen Toledo, wo es abermals ein
Beispiel für die Fruchtbarkeit solcher Zusammenarbeit
gegeben hatte: Damals übersetzten dort ganze Teams von
Sprachkundigen die nur noch auf arabisch erhaltenen
griechischen Klassiker ins Lateinische. Zwar arbeiteten
sie in kleinen Gruppen durchaus an verschiedenen
Büchern; aber da sie ihre individuellen Erkenntnisse
austauschen konnten, ging ihnen die Arbeit leichter von
der Hand und erreichte ein gleichbleibend hohes Niveau.
Das waren die historischen Vorbilder.
Fast fünfundzwanzig Jahre nach den ersten
konzeptuellen Vorüberlegungen ist die Vision tagtäglich
erfahrbare Wirklichkeit geworden:
Die unter der Schirmherrschaft von Heinrich Böll, Max
Frisch und Samuel Beckett am 10. Januar 1978 gegründete
Einrichtung ist ganz auf die Bedürfnisse literarischer
Übersetzer zugeschnitten. Hier kann man kontinuierlich
an dem jeweiligen Übersetzungsprojekt arbeiten und
entgeht doch der "depressiven Verstimmung", die
sich in der Isolation am heimischen Schreibtisch zuweilen
einstellt. Der Kontakt zu anderen Kollegen ermöglicht,
was im Übersetzeralltag zu kurz kommt: Man blickt über
den eigenen Tellerrand. Schließlich ist ein großer Teil
des literarischen Übersetzens Handwerk, und wie in jedem
Handwerk gibt es Tricks und Kniffe, die man sich bei
anderen abschauen kann - man muß das Rad ja nicht immer
neu erfinden.
Seit 1978 konnte sich das Übersetzer-Kollegium
beträchtlich vergrößern. Erst waren es nur 2 Computer
in einem Büro im Rathaus, dann ein kleines Provisorium
mit 6 Zimmern in der Nähe des Straelener Marktplatzes.
1985 zog das Kollegium um in einen renovierten
Gebäudetrakt mit fünf Häusern aus dem 18. Jahrhundert,
und 1992 kam ein sechstes Haus hinzu, ein Anbau, der
speziell für Werkstattgespräche und Seminare konzipiert
wurde. Autoren wie Libuse Monikova oder Stan Nadolny
trafen hier die Übersetzer ihrer Werke, um mit ihnen die
durch die Texte aufgeworfenen Probleme zu besprechen.
Mittlerweile stehen auf 2000 Quadratmetern Wohnfläche
- neben Bibliotheks- und Tagungsräumen und zwei
vollständig ausgestatteten Küchen - insgesamt 30
Appartements zum Wohnen und zum Arbeiten zur Verfügung,
die jährlich von inzwischen über 750 Gästen aus mehr
als 50 Ländern genutzt werden.
Die sechs Häuser reihen sich um einen zentralen
glasüberdachten Hof, wo die Bestände der Bibliothek
ihren Ausgang nehmen, um sich über das Galeriegeschoß,
durch Stiegenhäuser und Korridore, nach Sprachen
geordnet, und weiter bis in die Zimmer zu verzweigen,
deren jedes ein bestimmtes Sachgebiet aufnimmt. Keines
der dreißig Appartements gleicht dem anderen, weder
räumlich noch von seiner Stimmung her, alle aber sind
mit Schreibtischen und Computern ausgestattet.
Die Gäste des Kollegiums kommen aus allen Teilen der
Welt, sie kommen natürlich aus Deutschland, aber auch
aus Ägypten, China, Georgien, dem Libanon oder Vietnam.
Und sie bleiben zwischen sechs Wochen und drei Monaten,
manche aber auch nur übers Wochenende zum Recherchieren.
Auf den ersten Blick hat das Kollegium etwas
Klösterliches. Vielleicht liegt es an dem Innenhof der
Bibliothek, der wie ein spanischer Kreuzgang anmutet,
oder an der Stille, die den Besucher empfängt.
Tatsächlich bietet das Kollegium seinen Gästen jedoch
die Möglichkeit, das Klischee des Übersetzers im
stillen Kämmerlein Lügen zu strafen. Das Kollegium
versucht eine offene und unbürokratische
Arbeitsatmosphäre zu bieten, so daß sich selbst ein so
berüchtigter Misanthrop wie der eingangs zitierte Arno
Schmidt in Straelen vielleicht hätte wohlfühlen
können.
Der Etat des Kollegiums ist - verglichen mit anderen
Kultureinrichtungen - eher gering. In der Hauptsache wird
es vom nordrhein-westfälischen Ministerium für Arbeit,
Soziales und Stadtentwicklung, Kultur und Sport
finanziert, das die gesamten Betriebskosten trägt, nebst
Zuwendungen der Stadt Straelen, Spenden und bisweilen
Projektmitteln aus europäischen Fördertöpfen. Für die
Übersetzer ist ein Aufenthalt im Kollegium übrigens
vollkommen kostenlos, denn deren wirtschaftliche Lage ist
meist so schlecht, daß sie wie auch immer geartete
"Benutzergebühren" nicht aufbringen könnten.
Darüber hinaus kann das Kollegium mit Hilfe
verschiedener Einrichtungen wie der Robert Bosch-Stiftung
oder dem Deutschen Akademischen Austauschdienst jährlich
etwa 90 Übersetzern - vor allem aus den osteuropäischen
Ländern und aus Asien - ein zusätzliches Stipendium
vermitteln, das zumindest die Reisekosten deckt.
7400 Aufenthalte literarischer Übersetzer
wurden in den denkmalgeschützten Mauern des Kollegiums
bislang registriert und über 14.500 Übersetzungen
in den vergangenen Jahren erarbeitet: z.B. wurde in
Straelen Günter Grass "Weites Feld" ins
Portugiesische übersetzt, Nietzsche ins Koreanische,
Dantes "Göttliche Komödie" aus dem
Italienischen ins Dänische, Michael Endes
"Unendliche Geschiche" ins Estnische und Bölls
"Gruppenbild mit Dame" ins Polnische.
Herzstück des Kollegiums bildet die rund um die Uhr
zugängliche Bibliothek, die speziell auf die
Bedürfnisse literarischer Übersetzer ausgerichtet ist
und 20.000 Nachschlagewerke in 270 Sprachen und Dialekten
- von Avesta bis Zulu -, eine 60.000-bändige Bibliothek
mit Werken der Weltliteratur - meist in Original und
Übersetzung - und 20.000 Sachbücher umfaßt. Gesammelt
werden vor allem ein- und mehrsprachige Enzyklopädien
und Allgemeinwörterbücher in grundsätzlich allen
Sprachen und Dialekten und eine Vielzahl
fachterminologischer Nachschlagewerke aus nahezu allen
Bereichen und Epochen: z.B. Literaturlexika, Bibel- und
Liedkonkordanzen, technische Fachwörterbücher, aber
auch Wortlisten vom Waidwerk bis zur christlichen
Seefahrt, Argot, Slang, Knast- und Jugendsprache,
Theater- und Opernführer, vielsprachige Versandkataloge,
mehrsprachige Prospekte zu den verschiedensten Produkten,
Konkordanzen zu Werken wichtiger Autoren und vieles mehr.
Denn literarische Übersetzer sind eine besondere
Benutzergruppe. Anders als etwa die technischen
Übersetzer interessieren sie sich nicht für ein klar
definiertes Fachgebiet oder einen bestimmten Themenkreis.
Ihre Recherchen decken fast den gesamten Wissenskosmos
ab. Und was tun, wenn im Text Erfahrungen auftauchen, die
der Autor in der Kernphysik, der Straußenzucht oder der
Graphologie gesammelt hat und sich das ganz
selbstverständlich im Wortschatz eines Romans
niederschlägt? Wer selbst schon einmal versucht hat,
eine Kurzgeschichte ins Deutsche zu übertragen, wird
rasch gemerkt haben, daß literarisches Übersetzen
nämlich dort anfängt, wo einen die Standardlexika im
Stich lassen.
Lassen wir an dieser Stelle einen Übersetzer zu Wort
kommen und über seine Erfahrungen mit der Straelener
Bibliothek berichten. So schreibt Juri Archipow,
russischer Germanist aus Moskau:
"Europäisches Übersetzer-Kollegium in Straelen.
Eine Stunde von Köln mit dem Zug in Richtung
holländische Grenze. Dann noch zwanzig Minuten mit dem
Bus. Man glaubt: Krähwinkel.
Ich habe hier drei Monate verbracht. Bis zuletzt wie
am ersten Tag der Gedanke: warum habe ich so spät von
der Existenz dieses Wörterbuch-Paradieses erfahren? Wie
hieß es gleich bei Rilke? "... Ein sehr entlegener
alter Herrensitz wurde ihm mit einem Male zur Verfügung
gestellt, wo ... alles Umgebende eine Gefälligkeit und
Brauchbarkeit zukehrte, die seine beste Erwartung
übertraf ..." Mehr als das: "Wo alles wirklich
genau auf ihn gewartet zu haben schien ..." Und ob:
ein Bücherwurm in einem Büchergarten! Gerade "Das
Testament" von Rilke samt seinem "Florenzer
Tagebuch" und einigen Kapiteln der
"Wahlverwandtschaften" mußte ich in diesen
drei Monaten schaffen. In der Stadt, besonders in so
einer wahnsinnigen wie Moskau, wäre es unmögilch. Hier
geht es! Obwohl, Versuchungen gibt es überall. Die erste
und größte fällt sofort auf, sobald man eintritt. Die
Bücher!
Die Bücher sind so zahlreich, daß sie nicht nur
Korridore, Treppenhäuser, Abstellkammern und Toiletten
füllen, sondern auch die Wohnzimmer der gastierenden
Übersetzer belagern. Zuerst bewohnte ich jenes mit
Biographien, später dieses mit Astrologie und dann das
theologische Zimmer. Mit einem Wort: Die Versuchung!
Gestrichen für die Arbeit sei der Tag, der mit der
Musterung der Bücherregale beginnt. An dem Tag wartet
die Schreibmaschine oder der Computer vergebens."
Soweit Juri Archipow.
Gekauft werden insbesondere sehr teure und deshalb
für den einzelnen oft unerschwingliche Nachschlagewerke
wie eine gut erhaltene Originalausgabe der
"Encyclopédie" von Diderot und d'Alembert aus
dem Jahre 1778, eine Ausgabe der "Britannica"
von 1815 oder die fünfzigbändige portugiesische
Enzyklopädie aus den 40er Jahren. Denn in Straelen soll
all das stehen, was sich ein Übersetzer erträumt, aber
nicht leisten kann.
"Das bedeutet, daß man im Reisekoffer eigentlich
nur das Original und die bisherige Übersetzung daran
mitnehmen muß, eventuell noch die ganz persönlichen
Arbeitsmittel. Auf Wörterbücher läßt sich verzichten
- eher regen die Straelener Regale zu Neuanschaffungen
für den eigenen Bücherschrank an", so der bekannte
Englisch-Übersetzer Werner Richter aus Wien.
Mittlerweile hat die Bibliothek des EÜK Vorbildfunktion
für neue Übersetzerzentren im Ausland, die sich beim
Bestandsaufbau ihrer Bibliotheken an den Beständen des
Kollegiums orientieren.
Natürlich ist auch das Internet als
Auskunftsmittel für die Bibliothek in zunehmendem Maße
wichtiger. Genutzt werden insbesondere die Möglichkeiten
der bibliographischen Recherche und die vielfältigen
Suchmöglichkeiten, die Internet-Projekte wie das
deutsche "Projekt Gutenberg" oder das
französische Archiv der "Association des
Bibliophiles Universels" zum Aufspüren von Zitaten
bieten. Das Kollegium selbst ist auch im Internet
vertreten: mit Stipendienausschreibungen, dem aktuellen
Veranstaltungskalender, aber auch mit Neuerwerbungslisten
und verschiedenen Linksammlungen auf nützliche
Wörterbücher. In finanziell schlechten Zeiten ist das
Einwerben zusätzlicher Mittel auch für das Kollegium
wichtig, sei es durch den Abschluß eines
Sponsoring-Vertrags mit dem regionalen Provider, der den
Platz für die Kollegiums-Homepage auf seinem Server
kostenfrei bereitstellt oder sei es durch den Verkauf des
eigens im Kollegium zusammengestellten Kochbuchs, das
unerwartet zu einem Renner wurde und - nun mittlerweile
bereits in der 2. Auflage - einen Teil der
Bibliotheksankäufe finanziert. Ein Kochbuch von
literarischen Übersetzern muß natürlich Skepsis
erwecken. Ist bei den Vertretern dieser brotlosen Kunst
nicht notorisch Schmalhans Küchenmeister? Gehört zum
guten Kochen nicht vor allem auch Zeit, und ist die unter
Übersetzern nicht noch rarer als das Geld für die
Zutaten? Erstaunlicherweise ist aber eine Dichotomie
festzustellen zwischen der Einkommenslage und der
Exklusivität der Zutaten.
Besonders interessiert ist das EÜK nicht nur an den
Rezepten aus der Übersetzerküche interessiert, sondern
auch daran, die praktischen Ergebnisse der
übersetzerischen Arbeit zu sammeln und zu ordnen:
nämlich die Wörter und Wendungen, die nicht in jedem
Wörterbuch stehen, aus den normalerweise privaten
Zettelkästen.
So sind aus individuellen Glossaren und Notizen mit
der Zeit allen zugängliche zweisprachige
"Ergänzungswörterbücher" wie das Black
American English-Glossar oder das Wörterbuch zur
NS-Terminologie entstanden.
Die Präsenzbibliothek des Kollegiums ist 365
Tage im Jahr rund um die Uhr den im Haus wohnenden
Gästen zugänglich, was bei 7760 Öffnungsstunden
pro Jahr zu unkonventionellen Arbeitszeiten führt, zumal
die Bibliothek zur Zunft der "One-Person
Libraries" gehört.
Ein Sammelauftrag, der da lautet: "alle
relevanten Nachschlagewerke in allen Sprachen",
ist natürlich eher ungewöhnlich. Er bedeutet, für alle
möglichen Sprachenkombinationen alle relevanten
Nachschlagewerke zur Verfügung zu stellen, die
möglichst alle Informationsbedürfnisse
befriedigen. Natürlich muß die hundertprozentige
Erfüllung dieses Auftrags letztlich Utopie bleiben, doch
Monat um Monat versuchen wir ihn ein klein wenig besser
zu erfüllen ...
Die Arbeit des Kollegiums ist unspektakulär - die
Vervollständigung eines Glossars der russischen
Umgangssprache oder ein Erfahrungsaustausch zwischen den
Übersetzern von Herman Melville, Günter Grass und
Robert Musil liefern selten Schlagzeilen fürs
Feuilleton.
Dennoch: "Ich möchte darauf hinweisen, daß
große Dinge nicht immer in großen Städten geschehen
und nicht immer mit irrsinnigem Tamtam und Popp und Hopp,
das schnell zerplatzt. Ich glaube, daß hier etwas ganz
Großartiges geschehen ist, was wahrscheinlich bis heute
fast einmalig ist", so Schirmherr Heinrich Böll
anläßlich der Eröffnung des neuen Domizils 1985.
Nun war Heinrich Böll dem Pathos offensichtlich nicht
abgeneigt. Den Nobelpreisträger gleichwohl nicht ins
Unrecht zu setzen, versucht das Team des
Übersetzer-Kollegiums jeden Tag aufs Neue.
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