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| Die Bibliothek der Stiftung "Topographie des Terrors", Berlin |
von Irmela Roschmann-Steltenkamp
Allgemeines
Die Bibliothek der Stiftung "Topographie des
Terrors", Berlin ist eine Spezialbibliothek zu den
Themenbereichen Polizei, SS, Gestapo im Dritten Reich und
zum Nationalsozialismus allgemein. Zum gegenwärtigen
Zeitpunkt sind im Bibliotheksbestand rund 12.000 Titel
erfaßt, langfristig soll die Bibliothek auf maximal
40.000 Titel anwachsen. Neben dem Großteil aktueller
Literatur zu den o.g. Themen verfügt die Bibliothek
über einen beträchtlichen Teil zeitgenössischer
nationalsozialistischer Literatur aus den 30er und 40er
Jahren (ca. 3000 Bände). Für die Spezialbibliothek
relevante CD-ROMs werden ebenfalls erworben. Die benutzte
Bibliothekssoftware ist Allegro-C; ein Zettelkatalog
wurde nie geführt.
Die Topographie-Bibliothek ist bisher noch nicht
öffentlich zugänglich: die Stiftung bekommt ein neues
Ausstellungs- und Dokumentationsgebäude, das
voraussichtlich im Jahre 2001 eröffnet werden wird. Erst
dann wird auch die Bibliothek NutzerInnen zugänglich
sein; bis dahin ist sie nur auf Nachfrage zu nutzen.
In der Bibliothek sind 1 Wissenschaftliche
Bibliothekarin sowie 2 studentische Hilfskräfte mit 19
(seit einem Jahr) bzw. 9 Stunden pro Woche (seit 2
Jahren) beschäftigt. PraktikantInnen haben in der
Bibliothek noch nicht gearbeitet, ausreichend Arbeit und
interessante Aufgaben für Praktika sind aber vorhanden.
Anschrift:
Budapeststr. 40
10787 Berlin
Tel: (030) 254 509 23/35
Fax: (030) 261 300 2
Öffnungszeiten:
Montag, Mittwoch: 10 - 17 Uhr
Dienstag: 11 - 18 Uhr
Eine kurze Geschichte der Stiftung
"Topographie des Terrors"
Auf dem Gelände der Stiftung "Topographie des
Terrors", dem ehemaligen Prinz-Albrecht-Gelände an
der heutigen Niederkirchnerstraße (hinter dem
Martin-Gropius-Bau ) in der Mitte der Stadt Berlin befand
sich zur Zeit des Nationalsozialismus das eigentliche
Regierungsviertel des nationalsozialistischen SS- und
Polizeistaates. Gestapo, SS und Reichssicherheitshauptamt
hatten hier ihren Sitz, von hier aus wurden die
Verbrechen in den besetzten Ländern organisiert und
gelenkt, Verfolgung und Ermordung der Juden, Sinti und
Roma sowie anderer Verfolgtengruppen nahmen von hier
ihren Ausgang.
Die im Krieg relativ stark zerstörten Gebäude wurden
in den fünfziger Jahren abgerissen, das Gelände in den
sechziger Jahren "tiefenttrümmert". Durch den
Mauerbau lag der Ort plötzlich am Stadtrand und wurde zu
einer vergessenen Brache mit unterschiedlichen
kurzfristigen Nutzungen (Autodrom, Bauschuttplatz).
Erst seit Ende der 70er Jahre erinnerte man sich
wieder an die Geschichte dieses Ortes, und 1987, zur
750-Jahr-Feier Berlins, wurde eine Ausstellung erarbeitet
und das Gelände historisch kommentiert. Diese
Ausstellung, ursprünglich nur für drei Monate geplant,
stieß in der Bevölkerung auf so viel Resonanz, daß sie
auf unbestimmte Zeit verlängert wurde. Nach intensiven
Diskussionen konnte 1992 erreicht werden, die
"Topographie des Terrors" in eine unabhängige
Stiftung umzuwandeln, zu je 50% von Bund und Land Berlin
gefördert. Die Stiftung wird ein neues Gebäude
erhalten, in dem Ausstellungen, Seminarräume,
Bibliothek, Archiv und Vortragssaal Platz finden. Die
Ausschreibung gewann der Schweizer Architekt Peter
Zumthor, das Gebäude wird voraussichtlich 2001 eröffnet
werden.
Die Bibliothek im Neubau
Der Bibliothek kommt im Konzept der Stiftung eine
wichtige Rolle zu. Sie soll, als Freihand- und
Präsenzbibliothek, über den Nationalsozialismus im
weitesten Sinne, speziell über die Hauptthemen der
Ausstellungen informieren und interessierten
WissenschaftlerInnen und Nicht-WissenschaftlerInnen
Anlaufstelle ihrer Recherchen sein. Sie wird mit dem
Archiv räumlich verbunden, beide befinden sich im ersten
Obergeschoß und die NutzerInnen beider Angebote erhalten
ihre Materialien an einer Informationstheke. Dokumentar
und Bibliothekarin arbeiten sehr eng zusammen, die
Arbeitsbereiche sind jedoch auch klar getrennt: der
Dokumentar ist für die Sammlung und Erschließung der
Dokumente zuständig, die Bibliothekarin für alle die
Bibliothek betreffenden Fragen (Erwerbung,
Katalogisierung, ...). Bereiche, die aufgrund der
räumlichen Gegebenheiten im Neubau in beide
Zuständigkeiten fallen, wie z. B. Internetzugänge für
die NutzerInnen, Nutzungsordnungen etc., werden gemeinsam
erarbeitet. Der Dokumentar ist darüber hinaus mit der
Erstellung einer Schlagwortliste für die gesamte
Stiftung betraut, die dann auch in der Bibliothek
verwendet wird.
Räumlich wird das erste Obergeschoß des Neubaus in
zwei Bereiche unterteilt sein: in einem vorderen Bereich
befinden sich "schnelle" Informationszugänge:
interessierte AusstellungsbesucherInnen,
SeminarteilnehmerInnen o. a., die evtl. in der Benutzung
einer Bibliothek noch keine Erfahrung und somit
Berührungsängste haben, können in einer Handbibliothek
(1-2 Regale mit den wichtigsten Büchern zum
Nationalsozialismus und zur Ausstellung in verschiedenen
Sprachen) und an EDV-Stationen erste Einstiege zu den
Themen finden, die sie interessieren. Zugriff auf eine
EDV-Enzyklopädie zum Nationalsozialismus sowie auf
EDV-erfaßte Dokumente und wenige Photos wird hier
möglich sein. Jacken und Taschen müssen hier noch nicht
abgegeben werden, da der eigentliche
Bibliotheks-/Dokumentationsbereich noch nicht betreten
ist.
Sollen die Recherchen vertieft werden und geht das
Interesse über ein bloßes Nachschlagen hinaus (z. B.
für Schulreferate, Studienarbeiten, Dissertationen...),
steht in einem durch eine Tür vom vorderen Teil
getrennten, ruhigeren Bereich die eigentliche
Bibliothek/Dokumentation mit all den heute üblichen
Angeboten (Bücher, Zeitschriften, Video, Internet,
Datenbanken...) zur Verfügung. Darüber hinaus kann in
Arbeitskabinen in nicht allgemein öffentlich
zugänglichen Datenbanken, die von den
StiftungsmitarbeiterInnen zur Geschichte des Geländes
erarbeitet wurden, recherchiert werden (Datenbank über
auf dem Gelände Inhaftierte, Enzyklopädie des
Nationalsozialismus auf EDV, Photo-Archiv...). Die
zeitgenössische Literatur der 30er und 40er Jahre wird
den NutzerInnen nicht öffentlich zugänglich sein,
sondern wird in abgetrennten Magazinräumen
untergebracht. Gründe dafür sind, daß zum einen diese
Literatur in einem schlechten Zustand ist und der Verfall
nicht vorangetrieben werden soll und zum anderen der
Inhalt der Schriften problematisch ist und aufgrund
rechtlicher Aspekte nicht jedem zugänglich gemacht
werden darf.>
Bisherige Arbeitsbereiche/-abläufe
Die bisherige Arbeit in der OPL konzentrierte sich auf
die Schaffung der Voraussetzungen für eine
funktionierende Bibliothek mit all den typischen
Angeboten für die NutzerInnen. Zuerst wurden die bereits
vorhandenen Bücher mit dem Bibliotheksprogramm Allegro-C
katalogisiert, in den Regalen systematisch geordnet und
so BenutzerInnen zugänglich gemacht. Darüber hinaus
wurden gezielt neue Titel erworben. Auch über
Schriftentausch und Geschenke vergrößerte sich der
Bestand. Da ein Großteil der in der
Topographie-Bibliothek benötigten Literatur nicht mehr
lieferbar ist - die zeitgenössische Literatur vor 1945 -
mußte und muß sehr viel bibliographiert und
recherchiert werden, um die relevanten Titel zu ermitteln
und über Antiquariate oder Fernleihe Exemplare zu
erhalten. Die Bibliothek wird eine Aufsatzsammlung mit
allen relevanten Aufsätzen aus unselbständiger
Literatur zu Polizei, SS und Gestapo anbieten, um den
NutzerInnen aufwendige Wege zu den einzelnen
Zeitschriften zu ersparen. Die neuen Medien spielen
natürlich auch eine immer wichtiger Rolle: CD-ROMs
wurden erworben, das Internet wird stark genutzt,
Online-Bestellungen- und -Lieferungen werden
alltäglicher... .
Der Bereich Sponsoring spielte bisher nur theoretisch,
auf Fortbildungen, eine Rolle, eigene Projekte wurden
noch nicht durchgeführt, sollen aber in Zukunft
erarbeitet werden.
Die fehlende Ausarbeitung eines Leitbildes für die
Stiftung allgemein und für die Bibliothek im besonderen
hat sich im Rückblick als z. T. problematisch
herausgestellt: einige Schwerpunkte hätten zu Beginn der
Arbeit anders gesetzt werden können, um effektiver zu
guten Ergebnissen zu gelangen, die nun über Umwege
erreicht wurden.
Ausblick
Die zur Zeit wichtigste Arbeit der Bibliothek besteht
in der Ausarbeitung einer neuen Systematik, die den
NutzerInnen die Bestände am Regal erschließen soll.
Diese Umstrukturierung wurde nötig, weil die alte
Aufstellung an der Gliederung der Ausstellung in der
Stiftung orientiert ist, für eine unabhängige
Bibliotheksarbeit sich aber eine eigene, vom Haus
losgelöste Systematik als besser erwiesen hat. Eine
solche Bibliothekssystematik kann z. B. auch dann
bestehen bleiben, wenn sich die Ausstellung ändert. Für
den Nationalsozialismus - besonders zu den Schwerpunkten
der Bibliothek - gibt es bisher keine Systematik, die so
detailliert ist, daß sie ohne weiteres übernommen
werden könnte; daher ist eine spezielle Ausarbeitung
für die Topographie unabdingbar. Nach Fertigstellung der
Systematik muß in einem weiteren Schritt der gesamte
Bestand umsigniert und umgeräumt werden, und die Bücher
können dann Signaturenschilder erhalten.
Ein weiterer Arbeitsschwerpunkt liegt in der
Verschlagwortung der Bibliotheksbestände: für alle
Bereiche der Stiftung (Photoarchiv, Dokumentation,
Enzyklopädie) muß eine einheitliche Verschlagwortung
vorliegen, um den NutzerInnen im Neubau über einen
Suchweg gleichzeitig alle Bestände zugänglich
machen zu können. Dazu gehören auch die
Bibliotheksbestände, die so, ergänzend zur Systematik,
über eine Schlagwortsuche am Opac recherchierbar werden.
Ein Neubau der Stiftung beinhaltet natürlich auch den
Neubau der Bibliothek. Folglich ist Bibliotheksbau der
langfristige Arbeitsschwerpunkt schlechthin. Die Planung
und Einrichtung einer neuen Bibliothek ist durchaus
nichts Alltägliches und stellt eine besondere
Herausforderung dar. Die räumliche Gestaltung der
Bibliothek (Regal- und Möbelauswahl) gehört dazu ebenso
wie ein Leit- und Orientierungssystem für die
NutzerInnen der Bibliothek, die Anordnung der Regale,
Lärmpegel/Akkustik, Beleuchtung und vieles mehr.
Bibliotheksrelevante Fragen, die ein Architekt, der noch
nie eine Bibliothek eingerichtet hat, nicht immer
nachvollziehen kann, müssen durchgesetzt werden, so z.
B. wichtige Fragen wie die der Beleuchtung der Räume,
die Standorte der Garderoben und Taschenschränke und ob
die Bibliothekarin ein eigenes Büro benötigt oder
nicht.
Die Arbeit als OPLerin
Meine Arbeit in der Stiftung
"Topographie des Terrors" begann 1994 mit
mehreren Werkverträgen in unterschiedlichen Bereichen.
Da die im Hause vorhandenen Bücher noch von niemand
speziellem verwaltet wurden, eine funktionsfähige
Bibliothek jedoch aufgebaut werden sollte und mußte,
interessierte ich mich für die Stelle der
Bibliothekarin. Während meines Germanistikstudiums in
Göttingen hatte ich kontinuierlich als studentische
Hilfskraft in einer Bibliothek gearbeitet, ansonsten aber
keine direkte bibliothekarische Ausbildung vorzuweisen.
Ich bekam bei der Topographie einen befristeten Vertrag
für 2,5 Jahre und wurde mit der EDV-Erfassung der
Bestände sowie dem Aufbau einer funktionierenden
Bibliothek beauftragt. Im Laufe dieses Zeitvertrages
wurde an der Humboldt-Universität, Berlin am Institut
für Bibliothekswissenschaft das neue postgraduale
Fernstudium zur Wissenschaftlichen Bibliothekarin
angeboten. Ich bewarb mich auf einen Platz, erhielt ihn
und machte 1997 meinen Abschluß. Durch dieses
Zusatzstudium konnte ich meine Arbeit in der Stiftung
erheblich verbessern und erhielt als Folge davon einen
unbefristeten Vertrag für eine Vollzeitstelle.
Die Arbeit als OPLerin hat die schon
hinlänglich bekannten Vor- und Nachteile, die natürlich
auch in meiner Stiftungsbibliothek zu finden sind. Große
Freiheiten und viel Spielraum, viele verschiedene
interessante Arbeitsbereiche auf der einen Seite (ich
erhalte sehr viel Unterstützung aus meinem Hause),
Isolation und kein direkter Ansprechpartner vor Ort,
schnelles Einarbeiten in manchmal zu viele neue Bereiche,
zu viel Arbeit gleichzeitig zu bewältigen auf der
anderen Seite. Durch meine Kontakte zu Arbeitsgruppen und
durch Teilnahme an Fortbildungen versuche ich, diese
Isolation zu durchbrechen und mir Hilfestellung
außerhalb des Hauses zu suchen. Ich bin Mitglied im
Berliner Allegro-Kreis, in OPL- und
Spezialbibliotheks-Arbeitskreisen, in der
Arbeitsgemeinschaft der Kunst- und Museumsbibliotheken
sowie im VdDB. Mit einer Kollegin aus einer anderen
Gedenkstättenbibliothek habe ich im letzten Jahr eine
Arbeitsgemeinschaft der Gedenkstättenbibliotheken
gegründet, um auch in meinem eigenen, speziellen
Arbeitsbereich feste Ansprechpartner haben zu können.
Soweit möglich und von meinem Haus
unterstützt, nehme ich an Tagungen und Kongressen (auch
im Ausland) teil. Im September diesen Jahres (1999)
arbeite ich im Rahmen eines beruflichen Austauschs, der
vom DBI und British Council organisiert wird, vier Wochen
in einer Londoner Universitätsbibliothek, um mich dort
fortzubilden, meinen Horizont zu erweitern und neue
Anregungen für meine Arbeit in Berlin zu bekommen.
Alles in allem überwiegen für mich die
positiven Aspekte, die mit der Arbeit in einer OPL
verbunden sind, sehr und ich würde immer wieder in einer
OPL arbeiten wollen.
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